manager-magazin.de, 09.03.2005, 09:24 Uhr
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HERAUSFORDERUNG CHINA
Aufbau Ost, Abbau West
Von Wolfgang Hirn
In Deutschland nimmt die Zahl der Arbeitsplätze ab, weil immer mehr Unternehmen ihre Produktion in das Reich der Mitte verlagern. Und mit der Produktion wandert nun auch die Forschung und Entwicklung Richtung China. Was also bleibt uns im Westen?
Hamburg - Eine neue industrielle Revolution vollzieht sich -
rund 150 Jahre nach der ersten. Damals, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, stieg
England zur ersten und führenden Industrienation der Welt auf.
Heute ereignet sich in China ähnlich Umwälzendes: China wird zur "Fabrik der
Welt", wie es Siemens-Chef Heinrich von Pierer ausdrückt. Immer mehr Güter
werden in gigantischen Stückzahlen in China hergestellt und auf dem Weltmarkt
verkauft.
Mit Kleidung und Schuhen fing es an. Heute stehen in fast allen Labels - ob bei
der schwedischen Billigkette Hennes & Mauritz oder beim teuren US-Designer Ralph
Lauren - die drei Worte "Made in China". Auch die Sportschuh-Hersteller Adidas ,
Nike und Puma lassen seit Jahren fast nur noch in China produzieren.
Bald folgten so genannte braune und weiße Waren, also Unterhaltungselektronik
und Haushaltsgeräte. Inzwischen kommen 50 Prozent aller Kameras, 30 Prozent
aller TV-Geräte und Klimaanlagen, 25 Prozent aller Waschmaschinen und 20 Prozent
aller Kühlschränke aus China.
"China wird zur Produktions-Supermacht, und diese Entwicklung scheint
unaufhaltsam", prophezeit Asien-Kenner Kenneth Courtis von der Investmentbank
Goldman Sachs . Heute schon ist China das viertgrößte Produktionsland der Welt -
hinter den USA, Japan und Deutschland.
Und es ist bereits auf dem Sprung, die beiden Letzteren zu überholen. Bislang
kommen aus Chinas Fabriken sieben Prozent der Weltproduktion. Jonathan Woetzel,
Direktor bei McKinsey in Shanghai, sagt, es sei durchaus möglich, dass in zwei
Jahrzehnten dieser Anteil auf 25 Prozent steige.
Diese Verschiebung hat dramatische Folgen für den Rest der Welt. In den
entwickelten Staaten vollzieht sich eine schleichende Deindustrialisierung. Aus
der Triade - also den USA, Japan und Europa -, aber auch aus so genannten
Schwellenländern wie Mexiko verschwinden ganze Industrien Richtung China.
Chinas enormes Tempo
Branchen wie Textil, Stahl und Werften sind schon mehr oder weniger weg. Weitere
Industrien folgen, und zwar in einem Tempo, das die Welt noch nicht gesehen hat.
Ob Autos, Chips oder Handys - China baut auch in diesen höherwertigen Branchen
immer mehr Produktionskapazitäten auf.
Und mit den Industrien verschwinden die Arbeitsplätze. In den alten
Industriestaaten geht deshalb die Angst um vor einem "Jobless Growth", wie die
Ökonomen sagen. Dort gibt es zwar wieder (höhere) Wachstumsraten, doch die Zahl
der Beschäftigten nimmt trotzdem ab. Neue Arbeitsplätze entstehen fast nur in
China.
Und noch eine zweite Angst geistert durch die Köpfe. So fragt Jeffrey E. Garten,
Dean der Yale School of Management, in einer Business-Work-Kolumne besorgt:
"Wird Chinas Bedeutung bei der globalen Produktion bald dieselbe sein wie
Saudi-Arabiens Position auf dem Weltölmarkt?" Es gibt durchaus Befürchtungen,
dass man zu abhängig von der Produktionsmacht China werden könnte.
In der Tat: Wenn China von heute auf morgen - aus welchen Gründen auch immer -
die Grenzen dichtmachen würde, hätte die restliche Welt ein großes Problem: Es
gäbe keine Computer mehr, die Regale bei Wal-Mart und die Kleiderständer bei
Hennes & Mauritz wären größtenteils leer.
Karl-Gunnar Fagerlin sitzt in Stockholm und hat trotzdem großen Einfluss auf
Chinas Wirtschaft. Er ist Einkaufschef des schwedischen Bekleidungshändlers
Hennes & Mauritz (H&M), der rund 900 Geschäfte in aller Welt betreibt. Von
Stockholm aus entscheiden er und sein 200 Köpfe starkes Team, wo die rund 500
Millionen Kleidungsstücke, die H & M jährlich verkauft, gefertigt werden sollen.
Fagerlins Team votiert immer häufiger für China, das für H & M inzwischen
wichtigste Produktionsland neben Bangladesch, Indien und der Türkei.
Die Bestellungen aus Stockholm treffen per E-Mail in Shanghai ein. Dort sitzen
im so genannten Produktionsbüro von Hennes & Mauritz rund 20 Chinesen. Stockholm
braucht 50000 Hemden in sieben Tagen, 30000 BHs in vier Wochen? Kein Problem für
die Chinesen im Shanghai Office. Sie haben die Produktionspläne der rund 100
Fabriken im Lande vorliegen und können in wenigen Minuten erkennen, wo in China
sie die Aufträge platzieren.
Wo H&M, Metro & Co. einkaufen
Wie für Hennes & Mauritz ist für alle großen Händler dieser Welt China längst
ein Einkaufsparadies. Hier lassen sie den Großteil ihrer Waren fertigen, hier
kaufen sie ein. Wal-Mart, das weltgrößte Handelsunternehmen, hat in Shenzhen -
der Nachbarstadt von Hongkong - sein Einkaufsbüro. Von hier aus werden alle
Einkäufe in China gesteuert. Wal-Mart kaufte 2003 Waren im Wert von 12
Milliarden Dollar in China, in fünf Jahren soll es eine Größenordnung von 25 bis
30 Milliarden sein.
Der französische Wal-Mart-Rivale Carrefour hat sogar sein Global Purchasing
Center nach China, und zwar nach Shanghai, verlagert. Der weltweite Einkauf
aller Waren wird hier koordiniert. In den Märkten von Carrefour kommen bereits
25 Prozent der Waren aus China.
Ähnlich ist es bei der Metro , bei KarstadtQuelle oder Neckermann. Die deutschen
Handelskonzerne kaufen schon seit Jahrzehnten in China ein. Es fing mit
Spielzeug, Uhren und Weihnachtsschmuck an. Heute beziehen Metro & Co. Computer,
Kühlschränke und fast alle Kleidungsstücke aus China.
Im arbeitsintensiven Bekleidungssektor hat China inzwischen eine überragende
Weltmarktstellung. Weltweit kommt fast jedes zweite Kleidungsstück aus der
Volksrepublik. Jede Modemarke - auch die nobelste - lässt inzwischen in China
nähen und schneidern.
Die vielen chinesischen Textilfabriken können alle Qualitäten liefern - von ganz
billig bis sehr edel. Selbst die italienischen Nobelschneider zittern schon.
Paolo Zegna, Sohn des legendären Firmengründers Ermenegildo Zegna, sitzt
nachdenklich in seinem Büro im piemontesischen Trivero und sagt: "Die Chinesen
sind eine große Gefahr für uns."
Und deren Vormachtstellung im Bekleidungsbereich wird noch zunehmen. Ende 2004
lief das Welttextilabkommen aus, das bislang den Chinesen Exportquoten aufzwang.
Nun können die chinesischen Firmen so viel exportieren wie sie wollen. "Wir
werden kommen, und wir werden auf der ganzen Welt eine neue Bekleidungskultur
entwickeln", kündigte Du Yuzhou, Präsident des chinesischen Textilverbandes,
bereits in einem Interview mit dem Fachblatt "Textilwirtschaft" an.